Mittwoch, 8. September 2010
Home arrow Englisch arrow Exkursion arrow Theaterfahrt des LK Englisch zu "The Picture of Dorian Gray" ins Amerikahaus Impressum
Theaterfahrt des LK Englisch zu "The Picture of Dorian Gray" ins Amerikahaus PDF Drucken E-Mail

amerikahaus2.jpg“Vice and Virtue are to the artist materials for art”. So schien es nur zwangsläufig, dass Oscar Wilde, der lebenslange Provokateur des viktorianischen fin de siècle, um seine autobiographisch angelegten Figuren Dorian, Basil Hallward und Lord Henry herum ein schillerndes Romangeschehen entwarf, das Paul Stebbings in seiner modernen Bühnenadaption zu einem gelungenen Theaterabend für den Leistungskurs Englisch werden ließ. Waren etliche Kursteilnehmer zunächst durchaus skeptisch, was sie denn von dieser Bühnenfassung des einzigen Wilde’schen Romans zu erwarten hätten, so waren sie doch von der Leichtigkeit und dem Humor, mit dem das Ensemble der American Drama Group den „Stoff“ zum Leben erweckte, restlos begeistert. Der alte Menschheitstraum von immerwährender Jugend und Schönheit, von Dorian in narzisstischer Selbstverliebtheit herbeigesehnt und unter diabolischer Anstiftung seines Mentors Lord Henry schließlich bis ins Letzte zügellos ausgelebt, hat in seiner moralischen Fragwürdigkeit gerade in der egozentrischen, von Jugendkult, Schöheitswahn und naiver Starbesessenheit dominierten, und von dramatischem Werteverfall bedrohten westlichen Welt von heute nichts an Aktualität verloren. So gelang es den Schauspielern um Ian Britten-Hull (Henry), Mark Denham (Basil) und Elliott Charles Marsh (Dorian) durch ihre Spielfreude und lebensnahe Interpretation der Figuren die Fragwürdigkeit von Lord Henry’s Lebensphilosophie, die letztlich etlichen Menschen durch die Hand Dorians das Leben kostet, nachvollziehbar zu machen. Dorian erkennt leider zu spät, dass er mit seinem Wunsch, das Bildnis möge an seiner Statt altern und seine Sünden auf sich nehmen, seine Seele verkauft und damit seinen Seelenfrieden verwirkt hat. Der verzweifelte Versuch, die Versinnbildlichung seiner Verbrechen zu vernichten, führt in der Vollendung des faustischen Paktes zu seinem eigenen Tod. Das Auftreten des Theaterbesitzers aus dem Londoner East End, der als stage director das Geschehen fortlaufend kommentierte und das Publikum in seinen Spott miteinbezog, sorgte in seiner maskierten Frivolität für den nötigen comic relief. Oscar Wildes Roman, der es wagte, Homosexualität zum ersten Mal dermaßen offen anzusprechen, wurde ihm bekanntlich selbst zum Verhängnis, und sein provokantes Diktum, dass das Leben die Kunst nachahmen sollte und nicht umgekehrt, zum moralischen Bumerang, der ihm schließlich Jahre im Zuchthaus einbrachte, da sich die viktorianische Gesellschaft mit ihrer Doppelmoral einen solch unverschämt respektlosen Zeitgenossen in ihrer Mitte (noch) nicht leisten konnte und wollte. Kam sein Roman ganze 100 Jahre zu früh? Wer weiß. Mit Sicherheit aber bot die grandiose Inszenierung viel Stoff zum Nachdenken sowohl über manch eigene persönliche Beschränkheit von Sichtweisen und Lebensentwürfen als auch über den Zustand unserer Gesellschaft, und stellte so manche Sicherheiten über das Zusammenleben in unserer vermeintlich so aufgeklärten heutigen Zeit auf den Prüfstand: “It is the spectator, and not life, that art really mirrors.“ (Preface to Dorian Gray)

OStR Steffan, Fachbetreuer Englisch

 
Weiter >